Ilja Richters „disco“: vom Starkarussell zur Kultmarke

IljaRichtersDisco_BeitragWohl keine TV-Sendung der 1970er-Jahre ist so sehr zum Kultobjekt geworden: Von 1971 bis 1982 moderierte Ilja Richter die „ZDF disco“ und sagte dort die Elite der internationalen Popszene an. „Licht aus, Spot an!“ – ein Blick zurück auf die Entstehung, die Kuriositäten und Absurditäten der „disco“.

Text: Ernst Hofacker

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Seine Arme schlackerten, die Beine staksten, und der ordentlich geknöpfte Zweireiher, für gewöhnlich mit einer riesigen Fliege kombiniert, betonte all dies. Bei seinen Moderationen wirkte Ilja Richter zunächst durchaus nicht wie ein abgebrühter Profi – und doch, oder vielleicht gerade deshalb, wurde er zum Star. 133 Mal führte der Berliner durch die legendäre ZDF-Show „disco“. Und genauso oft, nämlich jedes Mal, wenn es galt, den im Studio anwesenden Gewinner des Starquiz’ aus der vorherigen Sendung vorzustellen, rief er die geflügelten Worte: „Licht aus! Wommm! Spot an! Jaaa!“ Im nächsten Moment schon sah man in den Studiokulissen einen schüchtern winkenden Teenager im Scheinwerferlicht stehen.

Ein 18-jähriger Moderator

Ilja Richter Honorarfrei - nur fŸr diese Sendung bei Nennung ZDF und Wilhelm ZanderAls „disco“ am 13. Februar 1971, einem Samstag, zum ersten Mal auf Sendung ging, war dies der Versuch des Zweiten Deutschen Fernsehens, dem seit 1965 erfolgreichen „ARD Beat-Club“ eine gleichwertige Konkurrenz entgegenzusetzen. So ganz ohne Erfahrung war man in Mainz nicht, denn seit immerhin 1966 hatte man in unregelmäßigen Abständen „4-3-2-1 Hot & Sweet“ produziert. Moderiert hatte die Sendung bereits seit 1968 eben jener Ilja Richter, da noch blutjung und auf dem besten Weg, sich in TV-Serien wie „Till, der Junge von nebenan“ als schauspielernder Kinderstar einen Namen zu machen. Ihn hielten die ZDF-Macher für die richtige Wahl, um ein jugendliches Zielpublikum vor der Mattscheibe zu versammeln. Der 18-jährige Richter nutzte seine Chance.

Als „Beat-Club“-Konkurrenz allerdings taugte „disco“ kaum, denn bei Radio Bremen hatte Regisseur Mike Leckebusch das Programm längst auf die damals so genannte progressive Rockmusik umgestellt. Im „Beat-Club“ gaben sich nun Underground-Bands wie Ufo, Atomic Rooster, Black Sabbath und Amon Düül II die Klinke in die Hand. „disco“ hingegen bediente von Anfang an den Pop-Mainstream. Bei Ilja Richter traten Stars wie T. Rex, Sweet, Neil Diamond und Creedence Clearwater Revival auf. In Filmeinspielungen waren zwar auch Bob Dylan, Jimi Hendrix und die Rolling Stones zu sehen, gleichzeitig aber begrüßte der Moderator auch Größen wie Cindy & Bert, Gus Backus und Roberto Blanco. Heute fast vergessenes Highlight der frühen „disco“-Jahre: Ein smarter Musikjournalist namens Joe Berger schickte zu jeder Sendung seine „London Pop News“, in denen er Klatsch und Interviews zusammentrug und von Hausbesuchen bei Stars und Sternchen berichtete.

Wilder Mix von Michael Holm bis Status Quo

Smokie_Disco mit Ilja Richter (3)Binnen kürzester Frist wurde „disco“ zum Erfolg. Der „Beat-Club“ indes verlor rapide Zuschauer und musste im Dezember 1972 ganz schließen – was freilich weniger an der ZDF-Konkurrenz lag als an der zunehmend elitären Künstlerauswahl der Bremer. „disco“ dagegen bot für jeden etwas, das Spektrum reichte von hartem Rock bis hin zum deutschen Schlager. Nicht immer allerdings zur Freude der vor der Mattscheibe versammelten Zuschauer, denn zu groß war in jenen Jahren der Graben zwischen den verschiedenen Fangruppen. Des einen Freund war des anderen Leid: Jürgen Marcus und Michael Holm hießen die Kröten, die schlucken musste, wer Suzi Quatro, Smokie und Status Quo sehen wollte, und umgekehrt. Und so mancher – dies anzumerken gebietet die Chronistenpflicht – nutzte die selbstverfassten Sketche des Moderators, um zwischendurch die Katze zu füttern oder Sonstiges zu erledigen, das unaufschiebbar schien.

Spaßiges, Absonderliches, Überraschendes und nicht zuletzt Haarsträubendes gab es ohnehin in Hülle und Fülle zu bestaunen. Unvergessen die Sendung vom 28. Februar 1976, in der alle vier Mitglieder der schwedischen Edelpop-Manufaktur Abba gemeinsam mit Stimmungskanone Tony Marshall eine Polonaise quer durchs Studio anführten und dabei fröhlich dessen Lied „Vom Hofbräuhaus zur Reeperbahn“ grölten. So mancher Zuschauer mochte sich im heimischen Wohnzimmer ob der überraschenden Künstlerkoalition die Augen gerieben haben.

„disco“ wird begraben – und dadurch unsterblich

Ende der 1970er-Jahre ließ das Interesse an „disco“ spürbar nach. Zu tun hatte das mit einem veränderten Zeitgeist einerseits, andererseits aber auch mit dem Umstand, dass neue Musikformate im TV wie „Rockpop“, „Bananas“ und „Plattenküche“ das „disco“-Monopol inzwischen unterminiert hatten. Auch wenn bei Ilja Richter hin und wieder noch Kaliber wie die Pointer Sisters, Human League, Soft Cell oder Dr. Feelgood auftauchten: Das Ende war in Sicht. Am 22. November 1982 schloss die gute alte „disco“ ihre Pforten, die Zeit von MTV und „Formel eins“ dämmerte herauf.

Ilja Richter prŠsentiert auch in dieser Sendung wieder Hits und Gags. Honorarfrei - nur fŸr diese Sendung bei Nennung ZDF und Wilhelm ZanderSeitdem aber ist „disco“ zu einem der Kultphänomene der Seventies geworden. Sehr viel hat das – neben den Eigenarten der Sendung und denen ihres Moderators – damit zu tun, dass sich in der „disco“ Ästhetik und Lifestyle jener Jahre bündelten wie sonst wohl nirgendwo. Und bundesdeutsche Biederkeit. Es war die Zeit, als Mutti noch im Ganzkörperkittel herumlief, Vati die Familie am Sonntagnachmittag zur verhassten Spazier¬fahrt ins Auto packte und die samstägliche Teenagerparty unter Aufsicht und längstenfalls bis 22 Uhr im Pfarrheim um die Ecke gefeiert wurde. Dass all dies zwischen grobgemusterten Tapeten und schrillbuntem Mobiliar geschah und man auf den Straßen Bonanzaräder und Ford Capris sah, machte die Dinge nicht zwingend besser. Rock & Pop im Fernsehen? Fehlanzeige.

Drei Jahrzehnte später gilt: Die Bilanz von „disco“ kann sich sehen lassen. In zwölf Jahren tummelte sich dort, und nur dort, die Charts-Elite. Und gelegentlich gab’s dabei großartige Musik zu hören. Neben etablierten Namen sorgten dafür auch junge Künstler, die es später zu Weltruhm oder wenigstens Kultstatus bringen sollten. So gastierten bei Ilja Richter ganz zu Anfang ihrer Karriere u. a. immerhin Rod Stewart, Deep Purple, Robert Palmer (mit seiner damaligen Band Vinegar Joe), Mott The Hoople, Sparks, Tom Petty & The Heartbreakers, Falco und Emmylou Harris.

 

Hier unsere 3 Empfehlungen, um auch nach 40 Jahren noch voll ins disco-Feeling einzutauchen:

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„40 Jahre disco: ‚Licht aus, Spot an!’ – Die Revival Edition“
Zurücklehnen und genießen! Von „Saturday’s“ bis „Delicious“ – wir lassen all’ die wunderbaren Erinnerungen an Ilja Richter und seine Gäste auf 4 DVDs wieder aufleben.

Mit tollen Auftritten von:
Les Humphries Singers, T.Rex, Peter Maffay, Howard Carpendale, Marianne Rosenberg, Baccara, Dan The Banjo Man, Lou & The Hollywood Bananas,  u.v.m.!

 

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„40 Jahre disco: ‚Licht aus, Spot an!’ – Die Fan-Edition”
Achtung Sammler – 430 Minuten Filmmaterial unserer legendären Kult-Sendung! Neben der 3 tollen DVDs macht vor allem die Bonus-CD „disco – Revival“ diese Box zum Muss für jeden Fan.

Unter anderem mit dabei: Boney M., Elton John, Chris Norman & Suzi Quatro, Jürgen Drews, Amanda, Pussycat, Dr. Feelgood, Eruption und, und, und…

 

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„40 Jahre disco: ‚Licht aus, Spot an!’ – Jubiläums-Edition“
Zum runden Jubiläum liefert diese 4er-DVD-Selektion alles, was es für die wahre „disco-Erfahrung“ braucht. Ob „Pop“, „Dance“ oder „Glitter“, hier macht das disco-Herz einen Hüpfer.

Mit von der Partie: Smokie, Bata Illic, Village People, Spider Murphy Gang, Frank Farian, John Hartford, Wolfgang Petry, Roland Kaiser, Earth & Fire und viele mehr!

 

 

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